, was ich geschrieben haben wollte
über das Briefeschreiben
Ich werde ein ordentliches Papier nehmen. Eines aus dem Kasterl, das auch ein Linierblatt enthält, das ich wegen meiner dynamischen Zeilengestaltung nutzen werde. Natürlich schreib ich nicht mit dem Bleifisch, den ich jeden Tag für Mitschriften, Protokolle, Skizzen nutze, sondern mit einem ordentlichen Schreibwerkzeug. Denn ich hab die Absicht, nicht zu radieren, korrigieren, durchzustreichen oder zu kritzelkratzeln. Und ich werd erst überlegen und dann jeden Satz mit einem Großbuchstaben beginnen und stets mit einem Punkt beenden.

Ich hab Zeit. Jedenfalls nehm ich sie mir. Sollte ich gestört werden, werde ich erst den Gedanken zu Ende schreiben und mich erst dann unterbrechen lassen. Sonst wird das nichts und das Geschriebene wird nicht mehr verständlich lesbar sein.

Der Ort gehört auf's Blatt, das Datum auch. Rechts oben mach ich das immer. Es kann auch vorkommen, dass ich an einem Tag nicht fertig werde. Das ist selten, kann aber sein, und manchmal geht es auch nicht anders. Aber meist muss ich dann ohnehin von vorn beginnen. Also das heutige Datum.

Die Anrede, die ist immer angemessen, persönlich, privat. Vorn groß beginnen, meist sind es zwei Wörter, manchmal mehr - je nach dem, wer es ist und um was es geht und wie gerade mein Befinden ist und das der Umwelt. Nächste Zeile.

Früher, also, ganz früher, als man noch mit der Hand schrieb und sogar Maschinen, die keine Maschinen waren, sondern eher Fingerkuppenverlängerungen, als es also so etwas wie Schreibmaschinen gab, da galt ein damit zusammengehämmerter Brief als unpersönlich. Fehler durfte man nicht machen - damit es ordentlich aussieht, musste man die ganze Seite neu tippen, wenn man sich vertippt hatte. Es war schon arg ärgerlich, wenn der Tippfehler unten auf der Seite auftrat.

Natürlich konnte man korrigieren. Es gab Radiergummis, ganz harte, die waren kreisrund und damit konnte man auf dem Papier 'rumrubbeln, bis eine Schicht zusammen mit dem falschen Buchstaben entfernt war. Das war mühsam und die Rubbelstelle war recht deutlich erkennbar. Und weil man das Papier zum Radieren etwas hoch drehen musste und dann wieder hinunter, war auch manchmal die Zeile mittendrin geringfügig verrutscht. Ob das eintrat, hing von der Qualität der Schreibmaschine und deren Alter ab. Denn mit steigendem Alter wurden die Gummiwalzen hart und das Papier verrutschte auf den dann spiegelglatten Rollen.

Zum Korrigieren gab es auch Tipp-Ex, weiße Farbe mit einem stinkenden Verdünner, die man über das Vertippselzeichen pinselte, wartete und dann noch einmal sein Glück versuchte. Das sah ebenfalls komisch aus. Das Tipp-Ex gab es auch auf Blättchen, die dann die weiße Farbe auf das Blatt abgaben. Dazu schaltete man den Farbbandhochhebemechanismus aus, rückte die Schreibwalze ein Zeichen zurück, hielt das Blättchen auf das Papier und tippte das falsche Zeichen noch einmal, um die schwarze Schrift mit der weißen zu überdecken. Dann wurde der Farbbandhochhebemechanismus wieder eingeschaltet, die Schreibwalze wieder ein Zeichen zurückgerückt und der richtige Buchstabe in schwarz auf den weißen falschen Buchstaben getippt. Aber die weiße Farbe schilferte bald wieder etwas ab. Und bei Durchschlägen funktionierte das alles sowieso nicht.

Es gab statt der farbgetränkten Textilbänder auch solche aus schwarzer Folie, die dann durch die Typen auf das Papier durchgestanzt wurden. Unterhalb des schwarzen Folienbandes lief ein Klebeband. Bei einem Tippfehler positionierte man auf den Tippfehler zurück, aktivierte mit einem kleinen Kippschalter den Korrekturmodus und tippte den falschen Buchstaben noch einmal. Diesmal landete das Klebeband vor der Schreibmaschinentype, das dann den Folienbuchstaben wieder vom Papier hob.

Manchmal verschreib ich mich beim Briefschreiben. Wenn es mir wichtig ist, schreib ich die Seite neu. Bei Briefen, handgeschriebenen, ist es oft wichtig. Wenn es nicht ganz wichtig ist, streich ich durch. Gibt es eigentlich so etwas wie 'Tintenkiller' immer noch? Ein grauseliges Zeug. Es war mühsamst, eine Klassenarbeit zu korrigieren, die durch intensiven Gebrauch dieser blöden Erfindung zu einer undurchsichtigen Schmierage geworden war. Dann lieber eine charaktervolle Handschrift.

Irgendwann war es mal schick, falsch zu schreiben und das durchzustreichen und das alles nur deshalb zu machen, um etwas zu schreiben, was man nicht schreiben will, aber es dennoch mitteilen wollte oder den Eindruck zu vermitteln, dass es so hätte gewesen sein können.

Absatz. Dann verschieb ich das Linienblatt etwas, nicht eine ganze Zeile, nur ungefähr die Hälfte, etwa so weit wie die Buchstaben hoch sind. Ohne Absätze würde der Empfänger sich durch ein Zeilengewirr mühen müssen und ich auch. Wenn ich nicht nach einer angemessenen Zeit absetzen kann, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass ich mit eigenem Geschwurbel nicht klar komme. Wie sollte das dann der Leser können? Also fort mit dem gekürmelten Gedöns und neu begonnen. Noch besser ist es, vorher nachzudenken und zu überlegen. Aber das ist ja immer so.

Absatz.

Manchmal gibt es für einen Brief nur einen Gedanken, eine Idee, die ich mitteilen will. Daraus werden dann schon mal mehrere Seiten. Es gibt Leute, die schreiben zu einem Gedanken ein ganzes Buch - manchmal lohnt sich das auch. Es gibt aber auch Bücher, da ist gar kein Gedanke dahinter, die werden wohl nur für den Umschlag und die drei vorgefertigten Rezensionen gemacht, die dann ein paar Wochen durch die üblichen Feuilleton-Seiten gecopypastet werden.

Bei langen Briefen sind vermutlich Seitenzahlen sinnvoll. Wenn es nicht mehr als drei Seiten sind, braucht es sie nicht. Denn die erste und die letzte Seite eines Briefes werden gewiss als solche erkennbar sein und die dazwischenliegende auch. Bei vier Seiten wird das schon unübersichtlicher, wenn man die Blätter aus der Hand verliert und dann wieder ordnen will. Briefklammern taugen nicht, die halten die Seiten nicht zuverlässig beieinander und mithin auch nicht das, was ihr Name verspricht. Die Drahtklammern, die mit dem Tacker durch die Seiten geknallt werden, passen nicht zum handschriftlichen Brief. Also Seitenzahlen. Die mach ich meist oben.

Ich hab einmal einen ganz, ganz langen, also einen ganz, ganz breiten Brief geschrieben. Ohne Absätze und ohne Seitenzahlen. Aber nicht jedem Empfänger kann man einen Luftschlangenbrief zumuten.

Das mit der Handschrift ist auch so ein Problem. Ich kann meine Handschrift gut lesen. Also, ich kann sie meist ganz gut lesen, wenn ich gerade etwas geschrieben hab. Wenn das Geschriebene älter ist, gibt es insbesondere bei Mitschriften hin und wieder interessante Aufgaben bei der Entschlüsselung. Vor Jahrzehnten, vor etlichen Jahrzehnten, war es durchaus nicht unüblich, dass man in bestimmten Situationen Stenographie nutzte - eine Form der Schriftlichkeit, die sich auf die Abbildung von gehörter Sprache durch Bleistiftmarkierungen beschränkt. Alles, was mit Rechtschreibung zu tun hat, gibt es da nicht, Vokale und Vokalkombinationen werden nicht notiert, sondern nur durch Strichlängen, -höhen und -dicken angedeutet, gebräuchliche Zeichenkombinationen werden zu einem Zeichen zusammengedrückt. Das hab ich mal gelernt, aber den Gebrauch bald verlernt. Wie auch immer. Jedenfalls führt die wirklich gelungene Kombination aus Schreib-, Druck-, Kurzschrift und Faulheit zu einem Schriftbild, das vor allem durch Charakter dominiert wird. Meine Handschrift hat viel dominierenden Charakter.

Heutzutage ist alles viel einfacher. Da kann man, angeblich, in ein Mikrophon quasseln und der Computer soll daraus Schrift machen. Ist natürlich Quatsch. Denn Sprechsprache ist nicht Schreibsprache ist nicht Lesesprache. Es gibt durchaus Leute, die diese Dimensionen übereinanderbekommen. Das ist dann oft Politikersprech, eine Sprachform, die fast nur dazu dient, in Nachrichten vorgelesen oder in Zeitungsspalten zitiert zu werden. Das kann ich nicht. Ich komm vom Thema ab.

Absatz.

Wenn der Brief wirklich ganz wichtig ist, dann sollte Gestaltung, Inhalt, Drumherum zusammenpassen. Es gibt Briefe, die werden aufgehoben - nicht aus rechtlichen Dokumentationszwecken, sondern aus guten privaten Gründen. Da kann gar die Briefmarke eine Rolle spielen - jedenfalls hab ich seit Jahren ein Abo bei der Post, die mir immer fleißig ihre neuen bunten Sondermarken schickt, die dann zu passendem Anlass auf passenden Briefen gepappt werden. Das Schächtelchen mit den Marken quillt längst über und es liegt nicht daran, dass die Post übermäßig Sondermarken zusendet. Das sollte ich jetzt ändern.

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