Reisen. Susa.
Persien und Perser
Susa? Kennst du Susa?

Wo soll das sein?

Und warum sind hier die Räume voll mit Steinen und Bildern aus Susa?

Mit einem Sonderangebot für den Thalys sind wir nach Paris gefahren, dann zum weltberühmten Museum gelaufen und heute Abend werden wir wieder daheim sein. Nun stehen wir hier in Räumen, vollgepackt mit Dingen aus Susa. Warum gerade Susa? Und was sagt uns das? Das Museum ist riesengroß und es gab viele andere interessante Dinge jenseits von Susa. Susa. Vergessen.

Draußen ist es dunkel. Der Kollege, der mit mir in dem Doppelbüro beheimatet ist, hat schon lang Feierabend gemacht. Auf dem Tisch ein langweiliges Konzept noch unbekannter Qualität, vom dem ich gerade mal die Hälfte durchgekaut und noch ein paar hundert Seiten vor mir hab.

Manchmal kommt zu dieser späten Stunde M. ins Büro und lässt sich gegenüber auf dem nun freien Platz nieder. Wie es gehe, was das Wetter mache, es sei schon spät, wie sich die Familie befinde, ob ich denn auch gehört habe, dass … … . M. ist Perser. Perser sind kommunikativ - jedenfalls jene, die ich kenne. Als M. sich angewöhnte, nach 13 Stunden Tagesgeschäft im Projekt über den Flur zu stromern, nervte er mich mit seinem freundlichen Schwadronofel, mit dem er mich von den Sachen abhielt, die ich mir für die ruhigen Sunden zur Seite geschoben hatte.

Dr. R. ist Reiseleiter. Und Perser. Er hat schon hunderte Reisen durchgeführt in sein Heimatland. Die hohe Kommunikativität ist natürlich eine äußerst nützliche Eigenschaft für seinen derzeitigen Beruf. Er hat sehr viel zu erzählen und zu sagen. Morgens fängt er an und er ist noch am Erklären, Erläutern, Erzählen, wenn uns abends die Augen zufallen.

M. hat das ähnlich gehandhabt. Er hatte sich im Projekt um das Qualitätsmanagement zu kümmern. Den einen, den Unerfahrenen, erklärte er stoisch und immer wieder, was sie denn wie zu tun hätten, damit sich nicht immer wieder in die selben Untiefen tappen. Und den anderen, den Ignoranten, laberte er konsequent die Ohren ab, bis sie entnervt den Widerstand aufgaben und sich dann endlich doch an die vorgegebenen Regeln hielten.

In rekurrierenden Erzählschleifen bringt uns Dr. R. die persische, die iranische, die arabische Sicht auf die Welt nahe, die Versatzstücke der aktuellen, jüngsten, jüngeren, alten, ganz alten und ur-alten Geschichte, trägt Sorge, dass in der Nähe der iranischen AKW-Bauten die Fotoapparate in den Taschen verschwinden, erklärt die Zusammenhänge des arabischen Scheidungsrechtes, schildert uns auf den Türmen des Schweigens die Bestattungsriten der Zoroastrier, erklärt die archäologischen Hügel, weist auf die Herkunft der Paradiese hin. Früher gab es viele Paradiese, einige von denen haben wir gesehen.

Ich hatte bald gelernt, dass das Schwadronofel von M. ein äußerst effektives und nützliches Vorgehen ist. Aber das gehört in den Bereich der Kommunikation im Projektmanagement und nicht nach Susa. M. war Freiberufler und nach dem Projekt haben wir uns aus den Augen verloren.

Und nun Susa. Eine uralte Stadt war das. Planmäßig angelegt, in ihrer Geschichte oft und lange Zeiten religiöses, kulturelles und wissenschaftliches Zentrum der Gegend. Als Alexander der Große hier eroberte, ließ er, so heißt es, die Stadt unzerstört aus Respekt vor Kunst und Wissenschaft der Achämeniden. Zu sehen ist hier davon

nichts.

Ein weites Plateau auf einem Hügel. Eine Ebene aus Stein, darin angedeutete Rillen und einige niedrige Sockel, offenbar jüngeren Datums. Die Rillen werden wohl Relikte der damaligen Abwasserwirtschaft sein, die niedrigen Mäuerchen deuten die damalige Bebauung an. Aber eigentlich ist es eine große

Leere.

Susa liegt nun nicht mehr in der Flussniederung von Dez und Karkheh, am Ostufer des Shaur, des antiken Ulai-Flusses, sondern seziert in den Museen der Welt. Auf dem Nachbarhügel ein neuzeitliches Gebäude, das jetzt wohl ein Hotel beherbergt. Früher waren dort die Unterkünfte der Archäologen. Viele Franzosen haben hier gebuddelt, deshalb sind viele Fundstücke nun im berühmten pariser Museum. Dr. R. hatte hier auch gearbeitet und kann nun sowohl von Susa als auch von den Ausgrabungen erzählen. Aus den niedrigen Mauerresten aus Lehmziegeln, die nun durch eine dünne Betondecke geschützt werden, lässt er die weitläufigen Palastanlagen entstehen, die unter Darius I. und Artaxerxes II. hier errichtet wurden. Hier gab es wohl das erste Museum der Geschichte, angelegt von Shutruk-Nakhunte I., der dort Beutestücke aus Feldzügen nach Mesopotamien unterbrachte. Heute sind in dem kleinen Museum hier am Ort der Stadt, die schon 4000 v. Chr. hier stand, Kopien der Emailziegel, mit denen einst die Häuser Susas, dem biblischen Sushan, verkleidet waren, zu sehen. Die Originale sind in Paris.

Der Ort ist bekannt und - trotz der Abwesenheit der historischen Stadt - touristisch erschlossen. Den Mädchen aus der Schulklasse erscheinen die fremdländischen Touristen in ihren bunten Outdoor-Outfits ein interessantes Fotomotiv zu sein, letzteren ist die Ausgelassenheit und Neugier der Kinder ebenso fotogen. Es gab viele fotografierte Fotografierende.

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