Rennschnecke
Nachtschnellzüge, Bahnpost, Kursbuch
Norbert G. ist unschuldig, er wird noch nicht einmal etwas wissen von der Legende. Vor Jahrzehnten gab es noch Nachtschnellzüge bei der Bahn, als sie noch Bundesbahn hieß. Schnellzüge waren im Kursbuch mit einem 'D' vor der Zugnummer gekennzeichnet. Das Kursbuch war das Fahrplanbuch der Bahn, ein sehr dickes Buch mit sehr vielen Seiten auf sehr dünnem Papier. Enthalten waren darin Tabellen mit den Fahrzeiten aller Züge. Zu Zeiten, als 'Setzer' noch ein Beruf mit einer hochspezialisierten Ausbildung war, als Bücher noch im Hochdruck gemacht wurden, da soll der Satz von diesen Fahrplänen eine Kunst gewesen sein - und das Lesen auch.

Besagter G. war Bundestagsabgeordneter und kam aus Kiel. Man traute ihm ungefragt ökologisches Verhalten schon zu Zeiten zu, als noch niemand von der Existenz des Wortes 'Ökologie' wusste. Angeblich, so die tradierte Legende, gab es den Nachtschnellzug von Bonn nach Kiel, weil G. ihn nutzte. Nachtschnellzüge hatten den Vorteil, dass man bei weiten Reisen Hotelkosten durch eine passable Übernachtung im Zug vermeiden konnte. Damals, vor Jahrzehnten, plante man für die Fahrt von Köln nach München oder Kiel einen Tag ein. D-Züge hatten in aller Regel Abteilwagen. Wenn man die Sitze hervorzog, rutschte die Rückenlehne hinunter. Und tat man das mit gegenüberliegenden Sitzen, hatte man eine ganz ordentliche Liegefläche.

Hochdruck. Dabei wird die Druckform aus erhabenen Formen zusammengesetzt - so wie man es in den Schilderungen über Herrn Gutenberg, dem Buchdrucker, kennt. Das Zusammenbauen von Druckseiten aus Tabellen war mühsam. Und das verwendete dünne Papier machte es noch schwerer, eine saubere Seite hinzubekommen. Dazu kam noch, dass in den Fahrplantabellen hochkomprimiert möglichst viele Informationen untergebracht werden sollten und alle Finessen aller nur denkbaren Zeichensätze und aller Setzerkünste genutzt wurden. Kursbücher gibt es nicht mehr.

Nachtschnellzüge fuhren nachts, aber besonders schnell waren sie meist nicht. Denn mitunter waren es eigentlich Bahnpostzüge, denen noch einige Reisezugwagen zugestellt wurden. Bevor ein Zug mit Bahnpostwagen ankam, entwickelte sich auf den Gepäckbahnsteigen eifrige Wuselei. Gepäckbahnsteige gibt es ebenso wie Bahnpost nicht mehr. In großen, älteren Bahnhöfen kann man sie noch erahnen: Auf der einen Seite des Gleises hohe Bahnsteige für die Fahrgäste, auf der anderen niedrige für die Handhabung von Gepäck, Expressgut und Post. Bahnpostwagen gab es auch in Zügen des Tagesverkehrs. Etwa eine Viertelstunde vor deren Ankunft erschienen auf den Gepäckbahnsteigen Elektrokarren mit vielen angehängten gelben Gitterwägelchen, darin jede Menge graubraune Postsäcke. Einzelne Wägelchen dazwischen waren leer. Bahnpostwagen hatten manchmal auch Briefkästen. Wenn man wusste, wann welche Bahnpost wohin unterwegs war, konnte man da schnelle Briefe auf den Weg bringen; es gab auch ein Bahnpostkursbuch. Auch manche Postbusse hatten Briefkästen eingebaut.

In den Nachtschnellzügen war nie viel los und oft erwischte man ein leeres Abteil. Damit das auch so blieb, zog man die Vorhänge zu und dann zumindest die Sitze an den Türen herunter - als Barriere - und ebenfalls dann die Sitze an der Fensterseite und machte das Licht aus. Und dann schaukelte man bis zum Morgen durch das Land. Ich bilde mir ein, dass die Züge besonders ruckfrei gefahren wurden. Die Schaffner ließen sich nur selten blicken, es tat sich ja auch nicht viel in den Zügen. Die nervigen Ansagen der Haltestellen gab es noch nicht. Wenn man wirklich das Bedürfnis hatte zu wissen, wo man gerade unterwegs war, konnte man die vorbeiflitzenden Bahnhofsschilder lesen. Damals trugen sie noch die speziell entworfene Bahnschrift, deren Buchstaben schwarz auf weiss auch bei nur flüchtigem Hinsehen sehr markant zu erkennen waren. Natürlich gab es damals auch Schlaf- und Liegewagenzüge.

Auf dem Gepäckbahnsteig steht das Gitterwagenzüglein. Wenn mehrere Bahnpostwagen erwartet wurden, war es ein langes Züglein. Kurz vor Ankunft des Zuges wurde es richtig lebhaft. Etliche weitere Postler erschienen und verteilten sich längs der Wägelchen. Der Zug fährt ein. Die Bahnpostwagen haben an den Seiten je mindestens zwei breite Schiebetüren, die nun aufgezogen werden. Hinter den einen türmen sich Postsäcke, hinter den anderen haben sich Bahnpostler postiert. Die Wägelchen waren so zusammengestellt, dass die leeren vor den Türen mit den Säckebergen zu stehen kommen.

Die Einen beginnen damit, die Säcke aus dem Zug zu zerren und auf das davorstehende Wägelchen zu verladen, die Anderen wuchten an den anderen Türen die Säcke in den Zug hinein. Jemand rennt den Wägelchen entlang und trennt sie voneinander, zieht die vollgeworfenen Wägelchen zur Seite und schiebt dafür die leergewuchteten vor die Entladetüren. Im Zug werden die Säcke bereits zum Sortieren geöffnet. Nach wenigen Minuten ist das Gewusel vorbei, die Bahnpostler verdrücken sich wieder. Jemand schiebt die Wägelchen zusammen und das Züglein wackelt hinaus. Die Schiebetüren sind geschlossen, der Zug kann abfahren.

Nachts geht das geruhsamer ab: Der Zug besteht aus viel mehr Bahnpostwagen und es gibt viel mehr zu laden. Früher war es so, dass nachts die Güterzüge im Bahnnetz Vorrang hatten und die Personenzüge warten mussten, tagsüber war es umgekehrt. Die Nachtschnellzüge standen auch schon mal eine halbe Stunde in einem Unterwegsbahnhof herum oder sie trödelten hinter einem Güterzug her. Das war im Fahrplan schon so eingebaut.

Damals gab es noch keine IC-Züge. Dieser Intercity hier kurvt von Zürich nach Berlin und Prag und fährt nachts. Im Fahrplan war zu sehen, dass auch er Aufenthalt an den Bahnhöfen hat. Nicht mehr wegen der Bahnpost, sondern wegen der Schlafwagen, wo man sich zum Einchecken anzustellen und zu warten hat. Vor Zeiten hatten die Züge an großen Bahnhöfen stets Aufenthalt. Bunte Karren wurden den Zug entlang geschoben, um 'Reisebedarf', so hieß das wohl, durch die Zugfenster zu verkaufen. Man konnte Oma und Enkel in den Zug setzen, das Gepäck verstauen und dann auf dem Bahnsteig nach dem Taschentuch kramen. Dem Enkel wurde erzählt, dass 'Hbf' eine Abkürzung für 'halbverrückt' sei und der krähte es in jedem Bahnhof aus dem Fenster.

Ganz hinten, fast schon jenseits des Bahnsteigs in Karlsruhe, ist noch ein alter Reisezugwagen an den Schlafwagen-IC angehängt. Habe das Fenster heruntergezogen - in dem alten Wagen geht das noch. Nur an diesem Wagen ist Türschlagen zu hören, ansonsten fiepen die Türen zu. Die Nacht ist warm. Hatte mit A. im Park gesessen und fröhlich Kaffee geschlürft, bin dann mit der Renn-Straßenbahn von Heilbronn nach Karlsruhe gefahren, um die Bilder von C., die so herrlich babbelt, zu gucken und D. erzählte, dass sie schon mal Straßenbahn fahre, einfach so zum Abschalten, zur Ablenkung, zum Leutegucken und -hören. Lothar E., jener, der vor Jahrzehnten die Legende zu G. pflegte, hielt das damals ähnlich, er nutzte dafür damals D-Züge. Mir geht das manchmal auch so.

Der Fahrtwind wummert ins Abteil. Herbstluft weht herein. Irgendwo wird wohl noch gegrillt. Die Bremsen machen ein scheuerndes Geräusch, kein quietschendes. Die anderen Bahnsteige in Heidelberg sind menschenleer, vorn stehen ein paar Reisenden am Schlafwagen. Damals bin ich auch mit dem Legenden-Nacht-D-Zug gefahren und später mit dem Schienenbus über die große Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Nun Mannheim. Ich muss in den ICE dort drüben umsteigen.

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