von Schranzen, Olmen und Bohnen /2
Minikosmos. Beziehungskiste

-10 min
Die Sekretariatspraktikantin wird von der Sekretärin, die 'Assistentin der Abteilungsleitung' heißt, beauftragt, den Sitzungsraum aufzuschließen.

-5 min
Die Sektretariatsdreikampfmeisterin (Falzen, Lochen, Abheften) bewegt sich - zuerst zum Sitzungsraum, dann den Schlüssel in der Tür einmal um 360 ° und abschließend sich wieder zurück zur Wettkampfstätte.
A. hat sich vertan und wartete bereits vor verschlossener Tür.

A. betritt den Raum und schreitet zu seinem angestammten Platz hinten links.
B. erscheint im Türrahmen, setzt sich gegenüber von A. und betrachtet interessiert das Muster auf der Raufasertapete.

C. trifft ein, begrüßt die Anwesenden mit einem versammelten »Guten Tag« und lässt sich, wie immer, vorn rechts nieder.
B. analysiert die Raufasertapete an der Decke.
A. ist eigentlich immer unpünktlich und erschrickt deshalb beim Blick auf seine Pilotenuhr.

A. verlässt fluchtartig den Raum.
B. sinniert, wie er die kommenden zwei Stunden überstehen kann.
C. hört die Mailboxen seiner beiden Handys ab, erfährt nichts Neues und ordnet beide Handys lotrecht vor sich an.
D. murmelt »tn'Tch«, lässt sich neben C. nieder und vertieft sich in irgendwelche Papiere.

E. begrüßt reihum alle Anwesenden mit Handschlag.
D. notiert etwas auf ihren Papieren.
C. stellt fest, dass die Chefin noch nicht da ist und geht 'raus in die Kaffeeküche zum Rauchen.
B. hat eine Idee.
A. ist nicht da.

Dr. U. betritt den Raum, stellt fest, dass noch nicht alle da sind und geht deshalb mal Eine rauchen.
B. hat sich vorgenommen, heute die Knubbel auf der Raufasertapete zu zählen.
C. führt Fachgespräche mit Dr. U.
D. verteilt weitere Papiere vor sich.
E. grummelt »... war nicht vierzehn Uhr ...??? ...«
F. hastet herein, stellt fest, dass sich noch nichts tut und beginnt, D. wegen des Herzchenvorgangs zuzuschwallen.

G. tritt ein, schließt deutlich vernehmbar die Tür, setzt sich und guckt erwartungsvoll auf das - leere - Kopfende des Sitzungs-U.
F. guckt irritiert zur Tür, sieht nichts Relevantes und labert nun über grüne Haken.
E. räuspert sich deutlich.
D. brummelt, dass ihr rote Herzchen noch scheißegaler sind als die Benutzung von bunten Malstiften im Büro.
C. blickt ob des hörbaren Türverschlusses erschrocken zur Uhr, dann zu Dr. U. und wirft seine Kippe ins Spülbecken.
B. ist bei 122.
A. ist noch nicht wieder da.

Dr. U. raucht zu Ende und betritt den Sitzungsraum mit einem »Ach, sind ja schon alle da.«
B. ist bei 157.
C. ergänzt die Äußerung der Führungskraft mit einen unüberhörbaren »Ja.«
D. sieht kurz auf.
E. fragt sehr interessiert »Sie haben auch zu wenig Zeit?«
F. verzieht sich ein paar Plätze weiter.
G. blickt erwartungsvoll die Abteilungsleiterin an.

Dr. U. hatte bei der Vorbereitung der Abteilungsbesprechung die wichtigsten Themen strukturiert und konzeptionell geordnet, hat nun aber diese zentrale Sitzungsunterlage im eigenen Büro vergessen - der Stress, die Hektik - und verlässt - in Eile - den Raum.
F. ist langweilig.
E. grunzt.
D. hatte es antizipiert und arbeitet weiter.
C. geht noch Eine rauchen.
B. ist bei 201,5.
A. betritt mit gewohnter Verspätung den Raum und sieht sich ob der Abwesenheit der Führungspersönlichkeit in seiner Unpünktlichkeitsmaxime mal wieder bestätigt.

A. nutzt aussagegemäß die abermalige Wartezeit, mithilfe seines Notebooks seine Mailbox zu checken und vertieft sich in die Seiten seiner Neuwagenlieferanten-Kandidaten.
B. notiert eine dreistellige Zahl auf einem Zettel und analysiert die Maserung der Tür.
C. kommt zurück und stinkt nach Rauch.
D. hat die Hälfte ihres Pensums erledigt.
E. fragt in die Runde, was man mit dem angebrochenen Tag machen könne.
F. hätte im kommenden Jahr die Tischkalender lieber mit Ledereinband.
Dr. U. kehrt mit einem gelben Haftie zurück. Aber die ersten drei Wörter darauf kann sie nicht mehr lesen, die beiden anderen sagen ihr nichts mehr.

G. fragt, wie lang man heute brauche, weil sie noch Anschlusstermine habe.
Dr. U. stellt dringend bittend fest, dass zumindest in der Abteilungsbesprechung, einmal in der Woche, keine Hektik und kein Stress herrschen solle.
F. fragt nach der Bestellung für die nächstjährigen Tischkalender.
Dr. U. möchte das Thema später diskutieren und zum Dezernatsmeeting 'mitnehmen', wie sie sagt.
E. fragt nach den Ergebnissen des letzten Meetings der Dezernatsleitung.
Dr. U. konnte dem Sitzungsverlauf nicht vollständig folgen, weil - die Hektik, der Stress - sogar während der Sitzung Aktenberge zu bewältigen waren.
D. brummelt irgendwas.
Dr. U. verweist auf das Ergebnisprotokoll, das in zwei oder drei Wochen vorliegen werde und möchte endlich einmal - in aller Ruhe - über das Betriebsklima sprechen.
C. stimmt zu und hält das Rauchverbot im Treppenhaus für unzumutbar.
Dr. U. möchte die steigende Anzahl der Fehltage thematisieren und eine Generaldebatte über die Arbeitskultur in diesem Haus initiieren.
B. ist fertig und stellt aus Versehen das Ergebnis - 817 - deutlich vernehmbar in den Raum.
Dr. U. kannte die genaue Zahl der Fehltage nicht, ist aber nun wirklich erstaunt über das hohe Ausmaß des Problems.
A. ist mit seiner Marktanalyse durch und weist nun deutlich vernehmbar darauf hin, dass er heute noch Termine mit Dingenskirchen, Müller und Meier habe und deshalb leider früher gehen müsse.
Dr. U. schlägt vor, dass man die Punkte, die A. tangieren, in der Tagesordnung nach vorn ziehen könne.

B. hat rote Ohren, weil ihm die Zahl aus Versehen rausgerutscht ist und murmelt leise, zu leise, unhörbar für Dr. U., »'tschulligung«.
Dr. U. dankt B. für seinen Beitrag und betont, denn ergebnisnahes Feedback ist für die Motivation essentiell, dass zuverlässige Zahlen die Basis der Grundlage von Entscheidungen sind und schlägt vor, dass die Zahl beim nächsten Meeting präsentiert wird.
C. spielt mit seinen beiden Handys.
D. ist mit ihrem Kram durch und winkt dem in Panik verfallenen B. beruhigend zu.
E. fragt, an welchem Punkt der Tagesordnung man sich befinde.
F. vermutet, dass man bei TOP 3 sei.
G. weiß von keiner Tagesordnung.

A. beginnt, seinen Kram zusammenzupacken.
B. hat immer noch Panik wegen des vermalledeiten Auftrages zur Präsentation der Zahl der Fehltage.
C. lässt das eine seiner Handys das andere anrufen, nimmt beide und verlässt mit einer entschuldigenddevoten Geste den Raum.
D. begründet sehr wortreich, dass die Zahl '817' erst valide sei, wenn auch die anderen Bereiche mit derselben Methodik und derselben Qualität ihre Analysen abgeschlossen hätten.
Dr. U. möchte das Thema später diskutieren und zum Dezernatsmeeting 'mitnehmen', wie sie sagt.
F. weist Dr. U. darauf hin, dass sie doch dann Gelegenheit nehmen könne, in diesem konkreten Zusammenhang die Ausstattung mit Tischkalendern anzusprechen.
G. blickt erwartungsvoll die Abteilungsleiterin an.

Die Sekretariatspraktikantin tritt ein und fragt nach Vorbringen von Entschuldigungsformulierungen, ob man denn noch länger brauche, weil, man habe, leider, den Raum doppelt belegt und ob man vielleicht ...
Dr. U. ist sehr ungehalten darüber, dass man nicht mal einmal in der Woche in Ruhe die wichtigen Themen besprechen könne.

A. nutzt die Gelegenheit des Durcheinanders zur Flucht.
B. ist sehr erleichtert, die Präsentation losgeworden zu sein.
C. geht schon mal raus eine Rauchen.
D. hat ihren Papierkram wieder zusammengeschoben.
E. fragt »Ham'mer's für heute?«
F. setzt sich neben B..
G. fällt auf, dass Dr. U. hübsche Möpse hat.

Dr. U. ist immer noch höchst erregt.
B. zählt die Türen des Raumes.
C. ist schon weg.
D. geht.
E. erhebt sich mit einem Seufzer.
F. bemerkt, dass nun wirklich niemand mehr seinem Gebrabbel zuhört und ist frustriert.
G. erhebt sich mit einem Seufzer.

+5 min
Heulkrampf im Domizil der Assistentin der Abteilungsleitung

+10 min
Dr. U., stehend, lässt sich von der Assistentin der Abteilungsleitung, sitzend und seit einer Woche für den Betriebsrat kandidierend, sehr ausführlich über das Thema Betriebsklima informieren.

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