von Schranzen, Olmen und Bohnen /1
Minikosmos. Innenlandschaft.
In der obersten Schublade ihres Rollis, also des rollbaren Untertisch-Beistellschränkchens, vorn rechts, lag die Tüte aus der Bäckerei. Immer, wenn sie sich ungesehen wähnte, griff sie hinein nach dem Brötchen mit Aufschnittscheibe auf Salatblatt auf Majonnaise, biss hinein. Danach langte sie nach der Blumenserviette, mit der sie imaginäre Krümel von der Tischkante fegte. Dann landete beides wieder in der Schublade, die offiziell Sicherheitsauszug heißt.

Fettfinger auf den Papieren, Tassenränder auf der Schreibunterlage - das gab es nicht bei ihrer nach dem nach rechten Maß ausgerichteten Arbeitsoberfläche des Schreibtisches. Die bohnenförmige Erweiterung des Tisches, die gemäß des verbindlichen Raumkonzeptes dazu dient, Gespräche mit Besuchern zu führen, störte diese rechte Ausrichtung. Deshalb hatte sie die überflüssigen Besucherstühle, die an der Bohne standen, auf den Flur geschoben und dort waren sie irgendwann verdunstet. Jetzt lag auf der Schreibtischextremität ein kleiner Stapel leerer Aktendeckel, mit denen sie zum Feierabend die Arbeitsoberfläche und auch das Telefon bedeckte, um zu unterbinden, dass der Lappen, mit dem flaue Feuchtigkeit auf alles, was das Putzpersonal in Reichweite hatte, verteilt wurde, den Schmier auch hier hinterlassen würde. Frl. G. hatte es gern im Griff und ordentlich rein.

Fr. D. hatte das optimale Ablageprinzip: Alles kommt, wie es kommt, auf Stapel. Wenn sie etwas Älteres brauchte, zog sie es aus dem Stapel und legte es dann wieder oben auf. Wegen der sich dabei von selbst einstellenden Ordnung nach dem letzten Zugriffszeitpunkt ist auch das Wiederfinden einfach: die wichtigeren Akten hielten sich halt meist recht weit oben auf. Wenn ein Stapel so hoch wurde, dass er umzukippen drohte, arbeitete sie sich von unten nach oben hoch und warf alles weg, bis etwas kam, das noch von Belang erschien. Oder sie warf es Frl. G. auf die Bohne, wenn diese Rauchen war. Auf ihrer eigenen Bohne hielten sich stets mindestens drei angeschlabberte Kaffeebecher auf und zwei Wasserflaschen und ein paar angestaubte Gläser. Alle, die zum Klaafen kamen, brachten ihren Becher mit und verzogen sich wieder ohne Becher, wenn der leer war.

Frl. G. hatte sich früher über unverhofft auftauchenden Akten gewundert. Aber nun versah sie sie auf der ersten Seite mit einem gelben Haftzettel, auf den sie mit grünem Stift einen Haken machte, verteilte dann wahllos zwei oder drei der bunten Markierungsstreifen auf den nächsten Seiten und legte den Kram in ihr Sieschon-Fach.

Dr. U. war 'von Hause aus', wie sie sagte, Psychologin und ihr war vom Management die Führung dieser Abteilung übertragen worden. Von den papiernen Dingen, mit denen die Sachbearbeitung sich beschäftigte, hatte sie sich von Anfang an 'frei gemacht', wie sie sagte, und pflegte ihren persönlichen Führungsstil - 'Führung durch offene Gesprächsführung'. Denn gutes Management zeichne sich durch klare Führung aus. Die offene Gesprächsführung realisierte sie vor allem durch die bewusste Anwendung 'ergebnisoffener', dieses Wort mochte sie, Halbsätze.

»Hatten Sie schon ...?« Dr. U. stellte ihren Kaffeebecher neben den Aktendeckelstapel auf der Bohne von Frl. G. ab. »Natürlich, Frau Doktor!« Frl. G. gab ihr den obersten Akt aus dem Sieschon-Fach. Mit »Und die Zusammenstellung für unser Meeting haben Sie schon ...«, begann Dr. U das Nachhalten früherer Aufträge, das Frl. G. mit » ... erledigt.« abschloss und ihr dabei den nächsten Aktendeckel aus dem Sieschon-Fach in die Hand drückte. 'Nachhaltigkeit' war auch ein Wort, das Dr. U. mochte. Die beiden Akten würde sie gleich während des Dezernatsmeetings durcharbeiten.

B. rollte gemächlich das Drahtgestell durch die Flure. Die Mappen und Umschläge aus den Postausgangskörben in den Büros sortierte er nach einem ihm eigenen System in das Drahtgestell hinein und danach nahm er die anderen Stapelchen aus dem Drahtgestell heraus und deponierte sie in die Posteingangskörbe in den Büros. Natürlich hätte er sich die Hälfte seiner Wege sparen können, indem er die Stapelchen aus dem Drahtgestell beim Gang in das Büro hinein und den anderen Stapel aus den Postausgangskörben beim Gang aus dem Büro heraus mitgenommen hätte. Aber mit vollen Händen wäre das Öffnen und Schließen der Türen unhandlich. Aaußerdem konnte er eines hassen - und das war Hektik.

Frl. G. verstaute den Sieschon-Kaffeebecher in ihren Leinenbeutel. Morgen wird es wieder einmal Kaffee und Kuchen geben, weil wieder einmal irgendeine Büroschranze Geburtstag hat und alle Schranzen werden, wenn sie aus dem vormaligen Betriebsrestaurant, das jetzt 'Bistropoint' heißt und zuvor die Kantine war, zurückschlurfen, dort Station machen, die üblichen langweiligen Gesprächsanlässe finden und sie würde, nachdem sie heute Abend aus ihrem heimischen Blumenkasten irgendein Unkraut in den Becher verpflanzt hätte, morgen eine 'Serbische Bergtulpe', die sie angeblich von Gärtner Dingenskirchen erstanden hätte, überreichen und die dauergewellten Büroolme würden ihr »entzzüüückenth« und »bezzzzaubernth« über die abermals originelle Idee mit dem Blumentöpflein ausstoßen.

Danach würde sie aus ihrem Posteingang jene beiden Akten herausfischen, die Dr. U. jeweils mit den roten Sternchenhafties und einem handschriftlichen 'Danke' versehen hatte - denn ergebnisnahes Feedback ist für die Motivation essentiell, wie sie sagte. Auf die eine Mappe würde sie eine nicht-existierende Abteilungsbezeichnung kritzeln und sie, nachdem sie die andere mit einem gebrummelten »Von Sieschon!« auf irgendeinen Stapel der D. geworfen hätte, von dem sie D. sogleich wegen der gestörten Ordnung gezogen haben würde, in den Postausgang der D. vergraben.

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